aktuelle Seminare – Lippenschluss

LIPPENSCHLUSS

Der Lippenschluss hat in der Therapie orofazialer Dysfunktionen für viele Logopädinnen einen hohen Stellenwert. Häufig wird er als eigenständiges Therapieziel betrachtet und entsprechend angebahnt und trainiert. Nicht selten richtet sich der Blick dabei zunächst auf die Muskulatur: Sind die Lippen kräftig genug? Muss der M. orbicularis oris gezielt trainiert werden?
Ich sehe das anders.
Für mich ist der Lippenschluss kein Ziel für sich – und auch kein Problem, das sich allein über die Muskulatur erklären oder behandeln lässt. Der Lippenschluss ist vielmehr ein wichtiger Aspekt innerhalb funktionaler Zusammenhänge.
Deshalb betrachte ich ihn immer im Zusammenhang mit vier zentralen Zielen: Artikulation, Kauen, Zungenruhelage und dem Schutz der Cava oris.
Ein geschlossener Mund allein ist für mich noch kein Beweis für eine gelungene Therapie. Entscheidend ist die Frage: Warum schließen sich die Lippen – und welche Funktion steht dahinter? Der Lippenschluss entsteht nicht einfach dadurch, dass wir eine Muskulatur ausreichend trainieren. Er ist eingebettet in ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Strukturen und Funktionen.
Wird der Lippenschluss isoliert betrachtet und behandelt, kann zwar ein sichtbares Ergebnis entstehen. Ob dieses Ergebnis jedoch funktional sinnvoll und langfristig stabil ist, steht auf einem anderen Blatt.
Diese funktionale Sichtweise entstand zuerst durch meine Arbeit mit M.U.N.D.T. und AHMA. Beide Konzepte beruhen auf der Überzeugung, dass einzelne Strukturen, Muskeln und Funktionen nicht losgelöst voneinander betrachtet werden können. Nachhaltige Veränderungen entstehen aus dem Verständnis ihrer Zusammenhänge – nicht aus dem isolierten Training eines einzelnen Muskels oder Symptoms.
In meinem Seminar zum Lippenschluss möchte ich genau diesen Blickwinkel vermitteln. Gemeinsam hinterfragen wir bekannte therapeutische Ziele und schauen genauer hin: Welche Funktion soll tatsächlich erreicht werden? Welche Rolle spielt der Lippenschluss dabei? Und warum reicht es nicht aus, den Blick ausschließlich auf die Lippenmuskulatur zu richten?
Mein Anliegen ist es, Logopädinnen darin zu bestärken, therapeutische Ziele immer wieder kritisch zu hinterfragen. Denn für mich beginnt nachhaltige orofaziale Therapie dort, wo wir nicht nur fragen, was wir verändern möchten, sondern vor allem warum und wofür.