M.U.N.D.T
M.U.N.D.T. – Mit Praxisevidenz zum Therapieziel
Die Muskulatur ist nicht das Problem
Seit vielen Jahren beschäftigt mich die Frage, warum die Therapie orofazialer Dysfunktionen häufig so zeitaufwendig ist – und warum manche Therapieergebnisse trotz großer Anstrengung nicht dauerhaft stabil bleiben.
Die Antwort, die mir in der Praxis immer wieder begegnete, war häufig dieselbe: Die Muskulatur sei zu schwach und müsse deshalb trainiert werden.
Ich sehe das anders.
Aus dieser fachlichen Auseinandersetzung heraus ist M.U.N.D.T. entstanden. Ein Konzept, das den Blick weg vom isolierten Training einzelner Muskeln und hin zu den Funktionen lenkt, die unser orofaziales System tatsächlich steuern.
Denn die Muskulatur ist für mich nicht automatisch das Problem.
Wenn eine Bewegung nicht physiologisch abläuft, wenn die Zunge dauerhaft eine ungünstige Position einnimmt oder wenn ein Schluckmuster nicht funktional organisiert ist, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass ein Muskel gekräftigt werden muss. Häufig geht es vielmehr darum, Bewegungs- und Lagerungsmuster neu zu organisieren und dem Patienten die Möglichkeit zu geben, neue funktionelle Abläufe zu erlernen.
Genau hier setzt M.U.N.D.T. an.
Aus der Praxis für die Praxis
M.U.N.D.T. ist ein praxisevidentes Konzept zur Behandlung orofazialer Dysfunktionen, das sich seit 2013 in der logopädischen Praxis bewährt. In dieser Zeit haben mehr als 2.000 Kolleginnen und Kollegen das Konzept kennengelernt. Inzwischen wird M.U.N.D.T. auch an zahlreichen logopädischen Fachschulen in Deutschland im Unterricht vermittelt.
Entstanden ist M.U.N.D.T. jedoch nicht am Schreibtisch.
Das Konzept ist aus meiner praktischen Arbeit heraus gewachsen. Aus Beobachtungen, Fragen und dem Wunsch, therapeutische Prozesse besser zu verstehen. Ich wollte wissen, warum bestimmte Übungen zwar kurzfristige Veränderungen bewirken können, diese Veränderungen aber nicht zwangsläufig in den Alltag übertragen werden.
Für mich wurde dabei immer deutlicher: Ein sichtbares Ergebnis innerhalb der Therapiesituation ist noch kein nachhaltiges Therapieergebnis.
Bewegung neu lernen – und im Alltag leben
M.U.N.D.T. konzentriert sich deshalb nicht auf zeitaufwendige mundmotorische Übungen oder den Einsatz kostenintensiver Hilfsmittel. Im Mittelpunkt steht das Umlernen von Bewegungs- und Lagerungsmustern.
Gleichzeitig berücksichtige ich dabei einen Aspekt, der für mich für nachhaltige Therapieergebnisse unverzichtbar ist: störende Angewohnheiten.
Habits können funktionelle Veränderungen immer wieder beeinflussen oder verhindern. Deshalb gehört der Abbau störender Gewohnheiten für mich genauso zur Therapie wie das Erlernen neuer Bewegungs- und Lagerungsmuster.
Doch auch das Erlernen einer neuen Funktion allein reicht nicht aus.
Eine Bewegung, die ausschließlich in der Therapiesituation gelingt, ist noch nicht im Alltag angekommen. Deshalb spielt der Transfer eine zentrale Rolle in M.U.N.D.T. Das Erlernte muss automatisiert werden und in den Alltag des Patienten übergehen. Erst dann kann aus einer bewusst ausgeführten neuen Bewegung langfristig ein selbstverständlicher funktioneller Ablauf werden.
Diese Verbindung aus Umlernen, Habitabbau und Transfer bildet für mich einen wesentlichen Kern des Konzepts.
Funktion statt isolierter Einzelaspekte
Meine Arbeit mit M.U.N.D.T. hat meine fachliche Sicht auf orofaziale Dysfunktionen nachhaltig geprägt. Sie war der Ausgangspunkt für viele weitere Entwicklungen – unter anderem für AHMA und auch für meine heutige Auseinandersetzung mit Themen wie dem Lippenschluss, der habituellen Mundatmung oder der Bedeutung kieferorthopädischer Apparaturen für die logopädische Therapie.
Der gemeinsame Gedanke dahinter ist für mich immer derselbe:
Strukturen und Funktionen lassen sich nicht voneinander trennen.
Deshalb geht es in meiner therapeutischen Arbeit nicht allein darum, einzelne Auffälligkeiten zu benennen oder einzelne Muskeln und Bewegungen isoliert zu betrachten. Im Mittelpunkt steht vielmehr die Funktion, die dahintersteht, ihre Voraussetzungen und die Frage, wie sie im Alltag dauerhaft wirksam werden kann.
M.U.N.D.T. bietet dafür ein strukturiertes therapeutisches Vorgehen.
Effizient und nachhaltig therapieren
Ein weiterer wichtiger Aspekt von M.U.N.D.T. ist die zeitliche Effizienz der Therapie. Das Konzept ist darauf ausgerichtet, zielorientiert zu arbeiten und zugleich zeitnah nachhaltige Veränderungen zu ermöglichen.
Dadurch lässt sich M.U.N.D.T. auch gut in den Verlauf einer kieferorthopädischen Behandlung integrieren. Die logopädische Therapie muss nicht zwangsläufig über Jahre parallel zu einer kieferorthopädischen Behandlung laufen. Wenn die therapeutischen Voraussetzungen stimmen und die Ziele funktional klar definiert sind, kann die Therapie gezielt in den Gesamtverlauf eingebunden werden.
Auch deshalb beginne ich mit M.U.N.D.T. erst ab einem Alter von etwa neun Jahren. Für mich steht nicht die Frage im Mittelpunkt, möglichst früh mit einer Therapie zu beginnen. Entscheidend ist vielmehr, ob die Voraussetzungen für ein bewusstes Umlernen, die aktive Mitarbeit und den nachhaltigen Transfer bereits gegeben sind.
Denn eine Therapie ist für mich nicht allein dann erfolgreich, wenn ein Ziel in der Praxis erreicht wird.
Sie ist dann erfolgreich, wenn der Patient die neue Funktion außerhalb der Therapie selbstständig nutzen kann.
Mein Anliegen mit M.U.N.D.T.
M.U.N.D.T. ist für mich mehr als eine Sammlung therapeutischer Übungen oder eine Methode mit festgelegten Arbeitsschritten.
Es steht für eine bestimmte Haltung gegenüber der Therapie orofazialer Dysfunktionen: therapeutische Ziele klar zu definieren, funktionelle Zusammenhänge zu verstehen und das eigene Vorgehen immer wieder kritisch zu überprüfen.
Dabei geht es mir nicht darum, bewährte therapeutische Ansätze grundsätzlich infrage zu stellen. Mir geht es darum, genauer hinzusehen. Nicht jede Auffälligkeit lässt sich durch eine vermeintlich zu schwache Muskulatur erklären. Nicht jede sichtbare Veränderung ist automatisch ein nachhaltiger Therapieerfolg. Und nicht jede Übung ist für jeden Patienten gleichermaßen sinnvoll.
Wirksamkeit entsteht für mich dann, wenn therapeutische Maßnahmen nachvollziehbar auf ein funktionelles Ziel ausgerichtet sind und dieses Ziel auch außerhalb der Therapiesituation Bestand hat.
Deshalb spielt bei M.U.N.D.T. nicht nur das Erlernen neuer Bewegungs- und Lagerungsmuster eine Rolle. Ebenso wichtig sind der Abbau störender Gewohnheiten und der Transfer in den Alltag. Erst das Zusammenspiel dieser Bereiche schafft die Voraussetzungen dafür, dass Veränderungen nicht auf die Therapiesituation beschränkt bleiben.
Mein Ziel ist es, Logopädinnen ein Konzept an die Hand zu geben, das Orientierung bietet und gleichzeitig zum eigenständigen therapeutischen Denken anregt. Denn jede Patientin und jeder Patient bringt unterschiedliche Voraussetzungen mit. Umso wichtiger ist es, therapeutische Maßnahmen nicht schematisch anzuwenden, sondern ihre Wirksamkeit im konkreten funktionellen Zusammenhang zu betrachten.
Qualität zeigt sich durch Nachhaltigkeit
Für mich zeigt sich die Qualität einer Therapie nicht in der Anzahl durchgeführter Übungen und auch nicht allein in einem kurzfristig sichtbaren Ergebnis. Entscheidend ist, ob eine therapeutische Veränderung für den Patienten funktionell sinnvoll ist, in seinen Alltag übertragen werden kann und dort langfristig Bestand hat.
M.U.N.D.T. verbindet genau diesen Anspruch: funktionelles Denken, praxisevidentes Handeln und den Fokus auf die nachhaltige Wirksamkeit therapeutischer Prozesse.